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Spenden steuerlich absetzen
18. Dezember 2025

Gestern leuchteten die Kerzen. Heute stehen wir im Dunkeln.

25. Februar 2026

Gestern Abend zog ein Lichtermeer durch die Wiener Innenstadt. Menschen haben am Stephansplatz gemeinsam geschwiegen. Es war der vierte Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine. Wir haben große Reden über Solidarität gehört und das Versprechen, dass wir die Menschen niemals im Stich lassen werden.

Heute Morgen sind die Kerzen erloschen. Die Kameras sind weg. Die Politiker sind zurück in ihren warmen Büros. Und wir? Wir stehen im Community Center und wissen nicht, wie wir den Menschen, die heute zu uns kommen, in die Augen schauen sollen.

Denn während auf den Plätzen die Solidarität beschworen wird, wird sie in den Budgets der Stadt Wien gerade stillschweigend beerdigt. Gleichgültigkeit hat schon längst Einzug gehalten in der Menschenrechtsstadt Wien.

Wenn Wien seine Verantwortung abgibt
Wir müssen Klartext reden: Die Unterstützung für vertriebene Ukrainerinnen und Ukrainer in Wien wird derzeit Stück für Stück abgebaut.  Im Januar wurde das Ankunftszentrum in Wien geschlossen, Härtefälle wurden aber noch aufgenommen. Dem Vernehmen nach ist damit Ende dieser Woche Schluss, dann ist das Ankunftszentrum endgültig Geschichte. Beratungsstellen arbeiten mit gekürzten Ressourcen und müssen spezifische Angebote für Vertriebene Mitte des Jahres einstellen.

Was bleibt dann? In Wien leben 42.500 Ukrainerinnen und Ukrainer. Viele von ihnen haben alles verloren. Jeden Tag kommen bis zu 400 Menschen zu uns ins Community Center. Sie kommen nicht, weil wir so schöne Räume haben. Sie kommen, weil sie sonst nirgendwo mehr hingehen können.

Wenn die Zivilgesellschaft Verantwortung übernimmt
Als am 24. Februar 2022 die großen russischen Angriffe auf die Ukraine begannen, haben wir nicht abgewartet. Nicht auf Anweisungen, nicht auf Förderungen und nicht auf politische Entscheidungen. Innerhalb von Stunden standen die ersten Freiwilligen bereit, um Menschen aus der Ukraine in Empfang zu nehmen. Wir haben es geschafft, die Stadt Wien davon zu überzeugen, dass es ein Ankunftszentrum braucht. Wir haben die Stadt mitgezogen, als diese noch zögerte, und haben es gerade noch rechtzeitig geschafft, das Ankunftszentrum zu eröffnen, bevor täglich 1.500 Menschen in Wien ankamen.

Im Humanitären Ankunftszentrum haben wir monatelang Menschen willkommen geheißen – insgesamt über 137.000 Mal. Tag für Tag, rund um die Uhr. Wir haben Essen besorgt, weil die Stadt nicht ausreichend Mahlzeiten bereitstellen wollte. Wir haben Hygieneartikel und Windeln organisiert, weil die Stadt sie nicht beschaffen konnte. Wir haben informiert, beruhigt und getröstet. Aber vor allem waren wir da und haben für diese Menschen gekämpft – jeden einzelnen Tag. Nach Monaten im Ankunftszentrum haben wir schließlich unseren Fokus verlagert – weg von der Erstversorgung, hin zur langfristigen Betreuung und Begleitung von Menschen, die aus der Ukraine fliehen mussten. Denn die Menschen waren noch immer da. Ihre Probleme waren nicht kleiner geworden, nur anders. Und das Setting zur Weiterbetreuung in einer Sporthalle war denkbar ungeeignet. Also eröffneten wir im Jänner 2023 das Community Center.

Zehn Jahre das Mögliche tun, nicht nur das Nötigste
Wir sehen seit zehn Jahren, was Menschen brauchen, die alles zurücklassen mussten. Und wir haben gelernt: Ein Mensch braucht mehr als ein Feldbett und ein Stück Brot. Ein Mensch braucht Würde.

Seit unserer Gründung stehen bei uns zwei einfache Grundsätze im Zentrum: zuerst der Mensch. Nicht die Bürokratie, nicht die Verwaltung. Und nicht nur das Mindeste tun, was irgendein Erlass verlangt. Sondern das Bestmögliche, was wir tun können. Deshalb weigern wir uns, eine Ärztin aus Kiew als Paketzustellerin abzustempeln, nur damit sie schnell arbeitet und die Grundversorgungsstatistik verlässt. Wir kämpfen darum, dass sie wieder Ärztin sein kann.

Deshalb gibt es bei uns Kreativgruppen für Kinder. Nicht als nettes Freizeitangebot, sondern weil Kinder, die Raketenangriffe und Flucht erlebt haben, das Erlebte nicht in Worte fassen können. Sie malen es. Sie formen es. Und eine Therapeutin hilft ihnen dabei, es zu verarbeiten.

Deshalb gibt es bei uns Yoga. Weil Menschen, die seit vier Jahren im permanenten Ausnahmezustand leben, einen Weg brauchen, ihren Körper und ihren Kopf wieder zur Ruhe zu bringen. Deshalb gibt es Sprachkurse, Berufsberatung, ein Café, in dem man für einen Moment vergessen kann, dass man alles verloren hat, und Dutzende weitere Angebote. Die meisten davon übrigens von Vertriebenen für Vertriebene gestaltet.

Nichts davon ist Luxus. Denn echte Integration braucht mehr als einen Sprachkurs und einen Hilfsjob. Sie braucht unter anderem Stabilität, Gemeinschaft, Hoffnung und die Chance, in dieser Stadt wirklich anzukommen. Es ist das Existenzminimum für die Seele.

Allein im letzten Jahr haben wir über 600.000 Kilogramm Lebensmittel gerettet und weitergegeben, Kleidung und Möbel organisiert, Workshops abgehalten und alles gegeben, damit Vertriebene nicht nur überleben sondern leben können. Getragen von Ehrenamtlichen, die ihre freie Zeit geben.

Ein gebrochenes Versprechen
Noch im Jänner 2025 haben hohe Vertreter der Stadt Wien bei einem Besuch bei uns versichert, dass das Zentrum unverzichtbar sei und unsere Arbeit langfristig gesichert werde. Die Stadt Wien würde das Community Center unterstützen, solange die Ukrainer und Ukrainerinnen in dieser Stadt sein würden.

Dieses Versprechen war nichts wert. Für das Jahr 2026 hat der Fonds Soziales Wien unsere Förderung auf Null gesetzt. Einfach so. Aus „budgetären Gründen“.

Das ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die seit Jahren ehrenamtlich ihr Bestes geben. Aber vor allem ist es Teil eines Musters: Leistungen der Stadt Wien für Vertriebene aus der Ukraine werden auf allen Ebenen sukzessive zurückgefahren. Das Ankunftszentrum wurde geschlossen. Unsere Förderung wurde nicht verlängert. Der Schutzstatus für Vertriebene läuft im März 2027 aus. Gerade jetzt, wo die Menschen anfangen, hier wirklich Fuß zu fassen, wo sie Begleitung und echte Perspektiven brauchen, wird ihnen Stück für Stück der Boden unter den Füßen weggezogen.

Wir geben nicht auf, aber allein geht es nicht mehr
Zehn Jahre Train of Hope haben uns eines gelehrt: Wenn das offizielle System versagt, übernimmt die Gemeinschaft.

Unsere Reserven sind am Ende. Ohne neue Mittel werden wir den Betrieb im Community Center über den März hinaus nicht aufrechterhalten können. Dann gibt es in Wien keinen vergleichbaren Ort mehr. Keinen, an dem man in seiner Sprache beraten wird, an dem man eine warme Mahlzeit ohne Bürokratie bekommt, an dem man beim gemeinsamen Kaffee die Einsamkeit bekämpfen kann. Keinen Ort, an dem man Unterstützungsangebot selbst mitgestalten kann. Keinen Ort, an dem man einfach Mensch sein darf.

Wir wollen nicht, dass es so weit kommt. Und es muss nicht so weit kommen. Auf die Politik können wir nicht zählen, also hoffen wir (mal wieder) auf die Unterstützung der Zivilgesellschaft.

Wie ihr helfen könnt?

1. Spenden: Jeder Euro fließt direkt in den Erhalt der Unterstützung für Vertriebene. Auch kleine Beträge machen einen Unterschied. Spenden an Train of Hope sind steuerlich absetzbar.
IBAN: AT21 2011 1827 5129 7500 BIC: GIBAATWWXXX – weitere Spendenmöglichkeiten findet ihr hier.

2. Teilen: Wir müssen aufmerksam machen, wie das Unterstützungsnetz für Vertriebene systematisch ausgedünnt wird. Und Unterstützung mobilisieren, um dieser Entwicklung entgegenzutreten.

3. Vernetzen: Ihr kennt Unternehmen, Stiftungen oder Menschen, die helfen können? Schreibt uns: office@trainofhope.at

Vier Jahre Krieg sind genug. Wir dürfen nicht zulassen, dass nach den Bomben die Gleichgültigkeit gewinnt.

Danke, dass ihr an unserer Seite seid. Seit zehn Jahren. Und hoffentlich auch morgen noch.
Euer Team von Train of Hope – Flüchtlingshilfe